Durchgängige Absicherung vom Modell bis auf die Straße
Die Automobilindustrie durchlebt einen tiefgreifenden Wandel. Softwaredefinierte Fahrzeuge, zunehmend komplexe ADAS-Funktionen und kürzere Entwicklungszyklen verändern die Entwicklung, das Testen und die Freigabe von Fahrzeugsystemen grundlegend.
Während sich Entwicklungsprozesse weiterentwickelt haben, ist die Absicherung oftmals noch ein fragmentierter Prozess. Viele Organisationen nutzen für die unterschiedlichen Absicherungsphasen immer noch isolierte Arbeitsprozesse, Tools und Assets. Während das Projekt sich von virtueller Entwicklung hin zum realen Testen bewegt, werden Modelle und Szenarien ständig neu aufgebaut und Testumgebungen immer wieder neu konfiguriert. Die daraus resultierenden Folgen sind bekannt: unnötiger Arbeitsaufwand, verlangsamte Feedbackschleifen und ein erhöhtes Risiko, kostspielige Probleme erst in späten Entwicklungsstadien zu entdecken.
Die Herausforderung liegt also nicht mehr in der Absicherung der Systeme an sich. Die Herausforderung liegt darin, die Durchgängigkeit in der Absicherung zu gewährleisten.
Über einzelne Testphasen hinausdenken
Model-in-the-Loop- (MIL), Software-in-the-Loop- (SIL), Hardware-in-the-Loop- (HIL), Vehicle-in-the-Loop- (VIL) und Prüfgeländetests spielen für aktuelle Absicherungsstrategien jeweils eine entscheidende Rolle. Jede Methode bietet individuelle Einblicke und hilft dabei, Probleme in verschiedenen Entwicklungsphasen frühzeitig zu identifizieren.
Der größte Mehrwert entsteht jedoch nicht durch die Anwendung einzelner Absicherungsmethoden – er entsteht erst dann, wenn man es schafft, diese miteinander zu verbinden. Wenn Modelle, Szenarien und Testworkflows über den gesamten Entwicklungsprozess wiederverwendet werden können, verwandelt sich die Absicherung von einer Ansammlung isolierter Schritte zu einem durchgängigen Entwicklungsprozess.
Anstatt Assets in jeder Phase neu aufzubauen, können Teams bereits geleistete Arbeit nutzen, das Wissen erhalten, die Einheitlichkeit steigern und die Entwicklung beschleunigen.
Absicherung vorverlagern
Ein entscheidender Vorteil der durchgängigen Absicherung ist die Fähigkeit, Probleme früher zu erkennen. Vor der Durchführung kostspieliger Fahrzeugtests können Entwicklungsteams so Steuerungsstrategien in MIL-Simulationen bewerten, Produktionssoftware in SIL-Umgebungen absichern und das Steuergeräteverhalten in HIL-Tests überprüfen.
Früheres Feedback bedeutet, dass Mängel dann entdeckt werden, wenn sie einfacher, schneller und kostengünstiger behoben werden können. Dadurch können Organisationen den Überarbeitungsaufwand reduzieren und gleichzeitig das Vertrauen in jeden Meilenstein der Entwicklung erhöhen.
Virtuelle und reale Absicherung verbinden
In der modernen Fahrzeugentwicklung ist virtuelles Testen zu einem zentralen Baustein geworden, doch die physische Absicherung bleibt unverzichtbar. Die große Chance liegt darin, beide Welten zu verbinden. Wenn validierte virtuelle Szenarien nahtlos in VIL-Umgebungen und schließlich auf das Prüfgelände übertragen werden können, profitieren Entwicklungsteams von einem konsistenten und nachvollziehbaren Absicherungsprozess von der Simulation bis in die reale Welt.
Diese Durchgängigkeit verbessert die Wiederholbarkeit, erhöht die Effizienz und schafft vergleichbare, nachvollziehbare Absicherungsergebnisse über die Grenzen des virtuellen und physischen Testens hinaus. Ingenieur*innen verbringen weniger Zeit damit, Tests nachzubauen, und können sich so auf wichtige Erkenntnisgewinne konzentrieren.
Einmal aufbauen, überall wiederverwenden
Bei der durchgängigen Absicherung geht es im Kern um die Kontinuität von Modellen, Szenarien und Workflows. Durchgängigkeit bedeutet aber auch, dass Ergebnisse über den gesamten Absicherungsprozess transparent und vergleichbar bleiben. Nur dann können Entscheidungen auf das Ursprungsmodell, -szenario oder den -testaufbau zurückgeführt werden, was eine konsistente Grundlage für Entwicklung, Absicherung und Freigabe schafft.
Indem eine einzige Simulationsumgebung über mehrere Absicherungsstufen hinweg genutzt wird, schaffen Organisationen eine vernetzte Absicherungsstrategie, die schnellere Entwicklungszyklen, eine verbesserte Testabdeckung und effizientere Ressourcennutzung unterstützt. Da softwaredefinierte Fahrzeuge immer komplexer werden, wird die Fähigkeit, Absicherungsaktivitäten über den gesamten Lebenszyklus miteinander zu vernetzen, zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Die Zukunft der Fahrzeugentwicklung wird nicht durch einzelne Absicherungsphasen definiert. Sie hängt davon ab, wie nahtlos diese Phasen miteinander verzahnt sind.